Rezension „Level Up Your Life“ (Steve Kamb) und meine eigene „Epic Quest of Awesome“

Obwohl Selbsthilfebücher in vielen Buchhandlungen oft mehr als eine ganze Regalwand einnehmen, wurden die meisten davon nur geschrieben, um den verzweifelten, hilflosen Opfern des modernen Lebens das Geld aus der Tasche zu ziehen; mit anderen Worten: diese Schundhefte, die die Bezeichnung „Buch“ nicht verdient haben, sind häufig einfach nur teures, aufwendig verarbeitetes Holz. Allerdings gibt es auch einige wenige, rühmliche Ausnahmen, z.B. „Spartan Up!“ von Joe de Sena, dem Erfinder der Spartan Obstacle Races. Im Januar 2016 erschien ein weiterer möglicher Kandidat für die Riege der brauchbaren Vertreter in einem kaum zu durchdringenden Wald voller vermeintlicher Heilsbringer, nämlich Steve Kamb’s „Level Up Your Life“.

Als der Autor der Internetseite Nerdfitness.com die Veröffentlichung eines Buches ankündigte, das ein Destillat seiner zahlreichen Blog-Artikel beinhalten würde, erwartete ich eine eben jener Ausnahmen, die dem Leser wirklich zu einem besseren Leben verhelfen könnten. Auf Nerdfitness.com war ich im April 2013 gestoßen, nachdem ich auf marksdailyapple.com über die Paleo-Diät recherchiert hatte. Als „genuine geek“ begeisterte mich Steve’s Ansatz, Fitness und Ernährung für Nerds interessant zu machen, die sonst lieber auf der Couch sitzen, Junk-Food essen und Videospiele daddeln. Zu Beginn meiner Reise mit Nerdfitness und Paleo gehörte auch ich zu dieser Gruppe und fühlte mich aufgrund meiner Begeisterung für Nerdthemen sofort angesprochen. Sport zu treiben mit Zelda– und Star-Wars-Workouts oder mich mit Spocks Logik aus Star Trek zu motivieren gepaart mit zahlreichen Artikeln zum Thema Gamification trafen bei mir einen Nerv und bildeten damit die Basis für eine grundlegende Änderung meines Lebensstils.

Nun lag es also in meinen Händen, das Buch basierend auf einer Website, die in mir eine ungeahnte Begeisterung für Sport und gesunde Ernährung geweckt hatte. Meine Erwartungen waren hoch, sehr hoch. Werfen wir also einen näheren Blick auf dieses Machwerk, um zu sehen, ob meine Erwartungen erfüllt wurden.

Was dem geneigten Leser zu Beginn der (englischsprachigen, aber mit ein wenig Sprachkenntnis gut verständlichen) Lektüre sofort auffällt, ist die Leichtigkeit und angenehme Lesbarkeit, die Kambs Schreibstil prägen und die man auch von seinen Blog-Artikel gewohnt ist. Sätze wie „As a young child, I had an overly active imagination, and split my free time equally between playing games like The Legend of Zelda and exploring my backyard as if I was Link, the tunic-wearing hero of that game.“ (S.4) zauberten mir augenblicklich ein breites Grinsen ins Gesicht, als ich mich erinnerte, wie ich mit Freunden im Wald Age of Empires nachspielte, indem wir „Kasernen“, „Türme“ und „Bogenschießanlagen“ aus herumliegenden Ästen und Baumstämmen zusammenzimmerten – weil die Mutter meines Kumpels unsere Zeit am Computer auf eine Stunde begrenzt und uns zum „Draußenspielen“ genötigt hatte. Anspielungen und direkte Verweise auf Videospiele und klassisches Nerd-Film-Kulturgut (Star-Wars, Star-Trek, Indiana Jones, Bond, etc.) ziehen sich durch das gesamte Buch, dessen Prämisse darin begründet liegt, Nerds und Geeks zu lehren, durch Gamification des eigenen Alltags in Kombination mit der eigenen, lebhaften Phantasie Abenteuer nicht nur virtuell, sondern auch real zu erleben. Dementsprechend leitet Kamb sein Buch mit einem Bericht darüber ein, wie er einen Tag als James Bond in Monaco verbracht hat, indem er sich mit einem geliehenen Smoking in einem Casino vergnügte und für das Hotel und den Flug mit Bonusmeilen bezahlt hatte.

Das gesamte Buch wird immer wieder durchzogen von kleinen Anekdoten aus Kambs Leben, die den Leser inspirieren und ihm zeigen sollen, wie aus einem schüchternen, schlaksigen Geek der zukünftige Captain America geworden ist – pun intended. Gespickt sind die einzelnen Kapitel dabei außerdem mit kurzen Abschnitten zu einzelnen Mitgliedern der Nerdfitness-Community (genannt „The Rebellion“), die als zusätzliche Beispiele für Nerds dienen, die ihr Leben umgekrempelt und ihre wie auch immer gearteten Träume verwirklicht haben.

Aber natürlich beschränkt sich Kamb nicht auf eine Aneinandereihung von derartigen Exempeln, sondern nimmt den Leser an die Hand auf eine nerdgetriebene Reise zum Mittelpunkt der Erd- ähhh natürlich dazu, Held der eigenen Geschichte zu werden, sei es nun Captain America, Luke Skywalker oder Lieschen Müller. In insgesamt sechs Abschnitten unterteilt in 23 einzelne Kapitel nimmt Kamb uns an die Hand, um uns aus der eigenen Komfortzone heraus und runter von der Couch auf die Reise unseres persönlichen „Adventure of Life“ teilzunehmen. Dabei leitet er uns vom ersten Schritt an, stets begleitet von Tipps, wie wir unsere Begeisterung für Nerdthemen dazu anwenden können, neue, sinnvolle Tätigkeiten zu erlernen oder tägliche Gewohnheiten zu etablieren. Kamb zeigt uns, wie wir Zweifel an den eigenen Fähigkeiten überwinden und den Versuchungen des Alltags widerstehen können, wie wir Hindernisse bewältigen und Ausreden den Kampf ansagen. Wir kreieren unser eigenes „Game of Life“, indem wir zunächst die Spielregeln und das Spielziel festlegen. Anschließend wählen wir unsere Charakterklasse (wie bei einem Rollenspiel) und etablieren Belohnungsprinzipien, Quests und Gegnertypen. Die Ausarbeitung unserer Quest bzw. der sogenannten „Epic Quest of Awesome“ nimmt dabei einen wesentlichen Teil des Buches ein und schwört uns darauf ein, unsere Quests möglichst detailliert zu planen und in einzelne „Level“ (Unterziele) zu unterteilen. Wollen wir also beispielsweise eine Fremdsprache lernen, lautet die Quest nicht „Französisch lernen“, sondern „Nach Paris fahren und sich eine Woche lang vor Ort nur auf Französisch verständigen“. Darüber hinaus setzen wir einzelne Schritte zur Komplettierung dieser Quest fest, die Level, z.B. 100 Französisch-Vokabeln lernen. In Ergänzung dazu erhalten wir verschiedene Hinweise von Kamb, die uns die Vervollständigung unserer Quests erleichtern sollen, wie der Multiplayer-Modus (sich mit Freunden und Familie umgeben, die ähnliche Ziele haben und als Unterstützung dienen können). Schließlich enthält Kambs Buch einige Hinweise zum Thema Fitness und Ernährung sowie die Anregung, Gelerntes an andere „Gamer“ weiterzugeben, im Sinne eines Jedi-Meister/Padawan-Verhältnisses.

Grundsätzlich beinhaltet „Level Up Your Life“ viele Anregungen und Hinweise, die sich so bereits vereinzelt in anderen Selbsthilfebüchern finden; und Kamb macht daraus auch keinen Hehl, wenn er im Anhang des Buches seine Quellen und Verweise zur weiteren Lektüre sowie Informationen betreffs spezifischer Themen wie Reisen, Finanzen etc. angibt. Im Falle von Kambs Buch ist es vielmehr die Präsentation und die Herangehensweise an die Schwierigkeiten des Lebens, mit denen der klassische, wenig selbstbewusste, intelligente, aber meist schüchterne und unsportliche Nerd/Geek – wie auch ich lange Zeit, bevor ich zu NerdFitness fand, einer war – konfrontiert wird. Kamb nimmt den Leser an die Hand und gibt ihm das Handwerkzeug, mit dem er das eigene Leben in ein Videospiel verwandeln kann. Damit hilft er uns, genau die Mittel zu nutzen, um das „Game of Life“ zu gewinnen, die wir auch im virtuellen Leben bereits erfolgreich eingesetzt haben. Entsprechend motivierender ist es auch, uns vorzustellen, dass wir für ein episches Bossgefecht uns von Level-Up zu Level-Up grinden und unsere Stärke mit Kraftraining erhöhen sowie unser Charisma mit Fremdsprachen und Musikinstrumenten. Genau dieser Effekt erklärt auch den Effekt von Sport-Apps wie „Zombies!Run!“, bei der wir als „Runner 5“ die menschliche Siedlung „Abel Town“ bei ihrem Kampf gegen die Zombieapokalyspse auf Missionen zum Aufbau der Basis unterstützen, alles begleitet von einem professionell gestalteten Hörspiel – langweiliges Laufen auf einer Aschenbahn wird dadurch zu einem aufreibenden Kampf um Vorräte, Engergieressourcen und Materialien zur Verbesserung der eigenen Basis. Die Gamification-Prinzipien funktionieren vor allem wegen ihrer Belohnungsprinzipien, die in Kombination mit den Ansätzen, die uns Kamb in seinem Buch präsentiert, ein Rezept für ein episches „Level Up“ bieten.

Für jeden auch nur im Ansatz an Nerdthemen wie Videospielen und Popkultur Interessierten bietet „Level Up Your Life“ eine bereichernde, lehrreiche und nicht selten amüsante Lektüre, die den ersten Schritt auf dem Weg zu dem Leben als Held der eigenen Geschichte bedeuten kann. Diese Leben gehört der Vergangenheit an, über das wir so oft gesagt haben: „Ach, ich wünschte, ich könnte das auch…“ und das mich von genau diesem Satz zu der Zuversicht gebracht hat, selbst Dinge auszuprobieren und zu verwirklichen, die ich immer tun wollte, und meine eigene „Epic Quest of Awesome zu gestalten.

Meine eigene „Epic Quest of Awesome“

Inspiriert von Kambs Buch „Level Up Your Life“ und vielleicht auch als Anregung für den einen oder anderen von euch Lesern möchte ich euch zum Abschluss dieses Artikels noch meine eigene „Epic Quest of Awesome“ präsentieren, die den Prinzipien von Kambs Buch folgt. Im Folgenden findet ihr eine Reihe von Quests, geordnet nach den Kategorien „Physical Quests“, „Mental Quests“, „Fun Quests“, „Work Quests“, „Adventure Quests“, „Courage Quests“, „Freedom Quests“, „Master Quests“, „Gratitude Quests“ und „Legacy Quests“. Außerdem werde ich euch in der Folgezeit nach diesem Artikel über meine Fortschritte bei der EQoA auf dem Laufenden halten. Aber genug Gerede, hier sind meine Quests:

1. Physical Quests – Quests, die in physischer Weise fordern und ein Fitness-„Level Up“ des eigenen Körpers voraussetzen

Mit Crossfit und Gewichtheben habe ich im Bereich des Sports gleichzeitig eine große Leidenschaft und meinen Meister gefunden. Diese Quests sind dementsprechend daran angelehnt, ein weiblicher Captain America oder Arrow zu werden:

– 150 kg Deadlift (mehr als mein doppeltes Körpergewicht) durchführen

– Crossfit-Level-1-Coach werden

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Balls of Steel …

– 10 Pull-Ups am Stück schaffen

– 1 strikten Muscle-Up schaffen

– Einarmiger Handstand für 10 Sekunden halten

– die Spartan-Race Trifecta-Medaille (alle drei Rennarten in einem Kalenderjahr beenden) bekommen

2. Mental Quests – Quests, die mich psychisch fordern, mich klüger machen und mein Wissen bereichern

Meine Sprachbegeisterung, aber bisher eher problematisches Zeitmanagement bzw. Prokrastinieren bestimmt die folgenden Quests dieser Kategorie:

– eine Fortbildung zur Beraterin für Sporternährung machen

– mit JavaScript und html ein eigenes Browsergame programmieren

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Spaß mit Coding

– eine halbstündige Konversation auf Spanisch mit einem Muttersprachler führen

– ein Buch auf Französisch lesen

– Schwedisch lernen, um die schwedischsprachigen Songs von Manegarm mitsingen und verstehen zu können

– ein elektrisches Schlagzeug kaufen und benutzen lernen, um zu AC/DCs TNT ordentlich abzudrummen

3. Fun Quests – Quests, die Dinge beinhalten, die einfach nur Spaß machen, für die aber nie Zeit oder Geld vorhanden war

Diese Kategorie beinhaltet eine Reihe von verrückten Dingen, die ich unbedingt schon immer machen wollte:

– die Blizzcon in Anaheim, Kalifornien besuchen

– einen Roadtrip durch die USA machen, mit einem Ford Mustang durch Nevada cruisen und ein Nascar-Rennen besuchen (um selber in einem Wagen als Beifahrer mitzufahren)

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Die weite, weite Welt…

– mit Kumpels eine LAN-Party bzw. einen Gaming-Marathon veranstalten

– in dem Haus, das mein Mann und ich (hoffentlich) bald haben werden, einen „Gaming-Room“ mit VR und einer kompletten Racing-Station für Rennspiele aufbauen, um Dirt-Rally endlich in vollem Umfang genießen zu können

– in einem WRC-Rally-Auto (mit-)fahren

– Wacken oder ein anderes Metal-Festival besuchen

4. Work Quests – Quests, die mir ermöglichen sollen, meine Arbeit um meine „Epic Quest of Awesome“ herum zu gestalten und nicht andersherum

– einen Job finden, der es mir ermöglicht, weiterhin in Göttingen zu wohnen

– einen Job finden, der meine Begeisterung für das Schreiben würdigt

– meine Doktorarbeit im Jahr 2016 fertigstellen

– 10.000 Likes auf Facebook für meinen Blog zusammenbekommen

5. Adventure Quests – Quests, die mich mein eigenes „Indiana-Jones“/“James Bond“-Abenteuer erleben lassen

Wie Kamb in seinem Buch schreibt, geht es hier nicht darum, einfach nur zu „reisen“, sondern waschechte Abenteuer zu erleben:

– Paragliding ausprobieren

– Snowboarden lernen und dafür nach Kanada fliegen

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Sun Peak in British Columbia

– eine Camping/Kanu-Reise in Norwegen machen

– mich einen Tag wie Arrow fühlen (noch näher zu spezifizieren)

– Geocaching ausprobieren

– im Harz eine Woche campen gehen und dabei die örtlichen Boulder bezwingen

6. Courage Quests – Quests, die mich zwingen, meine Komfortzone zu verlassen und Dinge zu tun, die ich mir bisher nicht zugetraut habe

Obwohl ich mich mittlerweile als alles andere als ein Sportmuffel bezeichnen kann, wird diese Kategorie von Ängsten bestimmt, die vor allem mit Sport zu tun haben:

– einen Workshop im Parkour absolvieren

– Bungee-Jumping ausprobieren

Der Sky-Tower in Auckland - Ein Fest für Bungee-Fans
Der Sky-Tower in Auckland – Ein Fest für Bungee-Fans

7. Freedom Quests – Quests, die mir die Realisierung der übrigen Quests ermöglichen

Diese Kategorie ist eigentlich selbsterklärend:

– einen Job finden, der mir mindestens 30% freie Arbeitszeit und Ortswahl ermöglicht

– meinen Blog in ein Online-Business umwandeln

8. Master Quests – Quests, die (fast) unmenschlich schwierig erscheinen und möglicherweise nie abgeschlossen werden können, auf deren Vollendung es sich aber lohnt, hinzuarbeiten

– mein eigenes Kit-Car zusammenbauen

– einen Auftritt in einem Marvel-Film bekommen

Hulk smaaaash!!!
Hulk smaaaash!!!

– als Storywriter bei Blizzard oder Ubisoft arbeiten

– eine erfolgreiche Nerd-Sendung im Fernsehen oder Radio moderieren (vergleichbar mit RocketBeansTV)

9. Gratitude Quests – Quests, die etwas von meinem Gelernten und Erfahrenen zurückgeben und anderen helfen

Meinem leicht ausgebildeten Helfer-Syndrom kommt diese Kategorie entgegen und ist daher auch eher von einer Reihe klischeehafter Quests geprägt:

– regelmäßig für mindestens 6 Monate im örtlichen Tierheim aushelfen

– für mindestens 1 Jahr regelmäßig die aktuelle Ausgabe des Göttinger Tagessatz bei der Verkäuferin am Supermarkt gegenüber kaufen

– umsonst einen Sportkurs für übergewichtige Kinder leiten

Hier stehen sie nun also, meine Quests, zusammen vereint zu meiner eigenen „Epic Quest of Awesome“. Was meint ihr dazu? Habe ich möglicherweise etwas vergessen? Oder möchtet ihr mir eure eigenen Questideen mitteilen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen; über den Fortschritt meiner eigenen Quests halte ich euch natürlich wie versprochen auf dem Laufenden.

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