Crossfit – „Forging Elite Fitness“

Wenn man gediegene Crossfit-Athleten nach ihrem allerersten WoD (=Workout of the Day) fragt, bekommt man häufig eine Antwort, die stets gleich lautet, egal, ob sich professionelle Athleten, durchschnittliche Fitnessstudio-Gänger oder Sportmuffel äußern: „Nie zuvor war ich nach einer Sporteinheit körperlich so erschöpft (und so glücklich).“ Sportler, die sich für fit halten, liegen ebenso am Boden, wie die Couchpotato, die erstaunt über die eigenen Fähigkeiten durch eine Lache eigener Körperflüssigkeiten watet. An diesem Punkt entscheidet sich dann häufig auch, ob aus einem potentiellen Crossfitter ein Mitglied der Crossfit-Community und später vielleicht irgendwann ein „Firebreather“ wird (ein Athlet, der dem Triumph und den Beschwerlichkeiten großer physischer Widerstände mit unbezwingbarem Temperament begegnet) – aber was ist Crossfit eigentlich und woher kommt die Faszination für die Sportart, bei der Übergewichtige neben Iron-Man-Athleten und über 70 Jahre alte Großmütter und -väter neben ihren eigenen Enkeln trainieren und sich gegenseitig schlagen können? Um diese Fragen geht es in diesem Artikel.

Was ist Crossfit? (Gib zu, du hast schon bei Wikipedia gespickt..)

Die einfachste Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, wäre es, sich einfach mit google zu behelfen und einen der zig tausend Artikel lesen, die das Thema mal mehr, mal weniger informativ zum Anlass nehmen, sich ein Stück vom großen Fitness-Kuchen abzuschneiden. Oder man gibt auf Youtube die Suchbegriffe „Crossfit“ und „WoD“ ein und ergibt sich einem Erguss von Stunden an Videos muskelbepackter Über-Athleten, die sich über, unter und um diverse, teils mit runden Scheiben beladene Metallstangen herum schwingen, wobei ihr Bewegungsrhythmus eine nahezu hypnotische Wirkung entfalten kann.

Aber wir sind nicht hier, um zu meditieren, sondern um zu ergründen, warum in einer Gesellschaft, in der Fettleibigkeit und Burnout das Leben ihrer Mitglieder bestimmen, eine Form der Bewegung, die zugleich als Fitnesstraining für die wohl größtmögliche Varianz potentieller Athleten sowie als Wettkampfsport für die „fittest men/women alive“ dienen kann, derartigen Erfolg feiert. Man kann Beschreibungen und Videos von Crossfit studieren und eine eingebildete Vorstellung davon bekommen, was Crossfit ist. Wirklich wissen wird man es aber erst, wenn man es selbst ausprobiert hat, wenn man völlig erschöpft und vom Produkt der ekkrinen Glandulae suderiferae durchweicht keuchend am Boden der Box liegt, in die man erst eine gute Stunde zuvor den Fuß gesetzt hat, den Kopf voll von fehlgeleiteten Vorstellungen und Erwartungen.

Ein typisches Crossfit-Workout
Ein typisches Crossfit-Workout

Faszination Crossfit

Die beste Möglichkeit, herauszufinden, was Crossfit ist, besteht also darin, es selbst auszuprobieren. Noch nicht überzeugt? Gut, dann helfen wir noch etwas nach. Was unterscheidet Crossfit von anderen Sportarten, was sorgt dafür, dass ein Sportmuffel wie ich dafür begeistern kann, die ich in der Schule als großer, unbeholfener Nerd als letzte in jede Mannschaft gewählt wurde und deren Sportlehrer ihr beim Hochsprung weitere Versuche untersagen musste, damit sie sich nicht verletzt? Drei Aspekte spielen dabei eine wesentliche Rolle: 1. die Crossfit-Community, 2. die Betreuung durch die Trainer und 3. das Überwinden der eigenen Komfortzone.

1. Die Crossfit-Community

Als vom Schulsport traumatisierte, ehemalige Sport-Hasserin war für mich bei den diversen Sportarten, die ich vor Crossfit ausprobiert habe, vor allem ein grundlegendes, allen diesen Sportarten gemeinsames Merkmal der Hauptgrund dafür, dass es stets beim Versuch bzw. beim „Ausprobieren“ geblieben ist, nämlich mein „Team“, die anderen Sportler um mich herum. Selbst wenn ich mich in einer Sportart versuchte, die nicht im Verbund mit mehreren anderen Spielern stattfand, sondern bei der ich auf mich allein gestellt war, stand ich immer einer Gruppe von Athleten gegenüber, die in allem besser waren als ich. Auch wenn sie mich das nicht direkt spüren ließen, ich war immer die Schlechteste, egal, wie sehr ich mich bemühte oder wie lange ich trainierte; Fortschritte machte ich im Schneckentempo. Natürlich entspricht das der Normalität, jeder hat mal klein angefangen und blablabla… Das konnte mich aber nicht motivieren, durchzuhalten und auf die ersten, noch so kleinen Erfolge zu warten. In den meisten Fällen blieb Sport für mich eine lästige Pflicht, und wenn dies nicht der Fall war und ich tatsächlich etwas Spaß an der Sache hatte, war ich doch zu ungeduldig für ein längerfristiges Engagement. Das änderte sich erst, als ich meine ersten eigenen Schritte im Gewichtheben tat. Es schien, als hätte ich endlich meinen Meister gefunden: Ohne jedes Wissen über die richtige Ausführung der Übungen machte ich bald „Kniebeugen“ mit einem Gewicht von 90kg, während ich die Beine noch nicht einmal bis in den 90° Winkel beugte. Aber ich hatte unglaublich viel Spaß dabei. Ich war vollkommen für mich selbst verantwortlich und machte jedes Mal kleine Fortschritte. Dachte ich jedenfalls. Bis ich Crossfit kennenlernte und von Vorne anfing. Das entscheidende jetzt war aber, dass ich beim Crossfit meine Begeisterung für das Gewichtheben ausleben konnte, die Übungen korrekt erlernte und gleichzeitig mit Leuten trainierte, die zwar größtenteils fitter waren als ich, nach dem Workout aber ebenso zerstört am Boden lagen wie ich und deren Respekt man sich dadurch erarbeitete, dass man die eigenen Grenzen überschritt und alles gab, um das Workout zu beenden. Für die Community geht es zwar auch um Zeiten, um Gewicht und um Wiederholungen – schließlich ist Crossfit ein Wettkampfsport. Aber der gemeinsame Respekt untereinander und die Tatsache, dass jeder jeden anfeuert, bis auch der letzte seine Wiederholungen beendet hat, existieren in dieser Form nur beim Crossfit und haben entscheidenden Anteil an der Motivation, die bei diesem Sport davon ausgeht, sich Schritt für Schritt immer weiter zu verbessern.

2. Die Betreuung durch die Trainer

Die täglich variierenden WoDs beim Crossfit werden stets von einem Trainer erklärt und begleitet. Das entscheidende hierbei ist allerdings, dass (gute) Crossfit-Trainer ein wenig so funktionieren wie Personaltrainer beim Gewichtheben, lediglich mit dem Unterschied, dass sie eine Gruppe von Sportlern trainieren und keine Einzelperson. Dabei kommen ihnen verschiedene Funktionen zu, im Wesentlichen aber achten sie auf die korrekte Ausführung der Übungen (was besonders beim Gewichtheben essentiell ist) und motivieren bzw. feuern die einzelnen Athleten an. Weil der Trainer sich dabei je nach Bedarf der jeweiligen Crossfitter für jeden Einzelnen Zeit nimmt, wirkt er anders als ein „Vortänzer“ beim Schnittenhopsen; der Motivationsfaktor, der dadurch von der Instanz des Crossfit-Trainers ausgeht, ist enorm, vor allem, weil er stets die Fortschritte seiner Schützlinge im Blick hat und sie immer wieder daran erinnert, wie weit sie bereits gekommen sind.

3. Das Überwinden der eigenen Komfortzone

Für mich ist dieser Punkt fast der wichtigste Aspekt von Crossfit. Als absolute Schulsportniete habe ich mir immer wieder etwas zu beweisen – mir kommen immer wieder Bilder des Versagens vor Augen, während ich vor meiner Crossfit-Phase immer wieder gedacht habe, „Es wäre schön, wenn ich das auch könnte, aber mein Körper ist dafür einfach nicht gemacht“. Kommt euch das bekannt vor? Falls ja, lasst euch gesagt sein, dass das nur eine lahme Ausrede ist, die euch davon abhält, euer wahres Potenzial zu entfalten. Innerhalb von einem halben Jahr Crossfit habe ich Seilspringen gelernt, einen Kopfstand an der Wand gemacht, 80kg im Deadlift gehoben und – nicht zu vergessen – das Braveheart-Battle beendet. Für einige meiner Leser mag das keine allzu große Leistung sein – für mich, die ich in der Grundschule ein Halbjahr mit einer 4 in Sport benotet wurde, ist es viel mehr, als ich jemals für möglich gehalten hätte (zumindest bevor ich mit Paleo und Crossfit anfing und 16kg mehr Körpergewicht auf die Waage brachte als jetzt). Wenn man vor dem Beginn eines WoDs die an der Tafel der Box angeschriebenen Übungen des Tages liest und denkt „Das schaffe ich nie..“, ist es eines der besten, schönsten, großartigsten Gefühle überhaupt, das WoD am Ende doch durchgezogen zu haben – am besten noch mit mehr Gewicht bei den einzelnen Übungen als beim letzten Mal. An dieser Stelle dürfte jeder Crossfitter wissen, was ich meine, für alle anderen sollte es ein Grund sein, Crossfit auszuprobieren.

Die Ruhe vor dem Sturm...
Die Ruhe vor dem Sturm…

Kritik an Crossfit

Natürlich muss eine Sportart, die so schnell so erfolgreich geworden ist wie Crossfit und noch dazu eine ganze Reihe etablierter „Fitnessstandards“ auf den Kopf stellt (Functional Movement ist Trumpf und Workouts mit Maschinen sind der Teufel) auch Feinde haben. Am häufigsten wird Crossfit von seinen Kritikern vorgeworfen, dass das Verletzungsrisiko durch schlecht ausgebildete Trainer und übermütige Anfänger im Gewichtheben enorm groß sei. Geschenkt. Eine Zertifizierung als Crossfit-Trainer zu erhalten, ist tatsächlich verhältnismäßig einfach und setzt lediglich die Teilnahme an einem Wochenendseminar voraus. Besitzt ein Trainer lediglich diese Zertifizierung und keinerlei weitere Qualifikation im Fitnessbereich, kann seine Kompetenz als Crossfittrainer durchaus infrage gestellt werden. Aber: Schlechte Trainer findet man überall; zu Verletzungen aufgrund falscher Übungsausführung führen alle. Letztere kann man sich genauso gut im Fitnessstudio an den freien Gewichten zuziehen, wo die Verletzungsgefahr noch viel größer ist, weil man hier nach einer kurzen Einweisung sehr häufig auf sich allein gestellt bleibt. Auf der anderen Seite stehen die vielen Erfolgsgeschichten von Crossfit, Übergewichtige und vermeintlich gebrechliche Senioren, die ihre ersten Klimmzüge, Muscle-Ups oder 80+kg Deadlifts vollführen und dabei einen Prozess des körperlichen Verfalls aufhalten, den ihre Ärzte zuvor für unabwendbar gehalten haben. In diesem Sinne: Haters gonna hate.

Tips für Anfänger

Falls ihr Blut geleckt habt und selbst einmal Crossfit ausprobieren möchtet – und das solltet ihr definitiv – findet ihr im Folgenden noch ein kurzes FAQ, das für First-Time-Crossfitter hilfreich sein kann.

  • Ich bin zu alt/zu dick/zu unsportlich/zu… Blödsinn! Gerade die Tatsache, dass jeder, aber wirklich jeder Crossfit trainieren kann, weil jede Übung auf das Niveau des jeweiligen Athleten skalierbar ist, macht Crossfit aus.
  • Wie finde ich eine gute Box? Diese Frage wurde bereits an anderer Stelle ausführlich in diversen Crossfit-Blogs beantwortet. Eine gute Zusammenfassung bieten Boxrox und Superpump
  • Wo finde ich eine Box in meiner Nähe? Ein detailliertes Verzeichnis findet ihr ebenfalls auf Superpump.
  • Was kostet Crossfit? Die Preise variieren von Box zu Box, liegen aber im Schnitt je nach Häufigkeit des Trainings pro Woche zwischen 50€ und 100€. Diese im Vergleich zu traditionellen Fitnessstudios zunächst hoch erscheinende Gebühr ist in der persönlichen Betreuung durch die Trainer begründet und das Geld auf jeden Fall wert. Die meisten Boxen bieten aber kostenlose Probetrainings und vergünstigte Probemonate an. Traut euch ruhig, in der jeweiligen Box direkt nach den einzelnen Konditionen nachzufragen, manchmal gibt es auch Rabatte für Studenten und bestimmte Berufsgruppen (Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, etc.).
  • Brauche ich spezielle Kleidung? Zwar bietet Reebok als offizieller Partner von Crossfit diverse Crossfit-Klamotten wie Shirts, Shorts, Tops und Schuhe an, grundsätzlich reicht aber bequeme Fitnesskleidung völlig aus. Lediglich spezielle Schuhe für das Gewichtheben sind ab einem gewissen Gewichtsvolumen empfehlenswert, aber nicht notwendig. Laufschuhe sind beim Crossfit aber grundsätzlich wegen der mangelnden Stabilität für den Fuß nicht empfehlenswert.
  • Wo kann ich mich weiter über Crossfit informieren? Neben der offiziellen Crossfit-Seite gibt es eine Reihe von Blogs, die sich mit Crossfit beschäftigen und einen guten Überblick über den Sport bieten, u.a. das bereits genannte Boxrox, das CrossfitJournal sowie BarbellShrugged.

Insgesamt begeistert Crossfit Menschen unterschiedlichster Herkunft, stark variierenden Alters und Fitness sowie verschiedenster beruflicher Ausrichtungen. Zum Abschluss dieses Artikels findet ihr ein kurzes Interview mit einem Mitglied von Crossfit Göttingen, wo ich selbst auch trainiere, zur Faszination Crossfit. Über weitere Erfahrungsberichte eurerseits sowie Fragen und sonstige Anmerkungen freut sich wie immer die Kommentarsektion unter dem Artikel. Wir sehen uns in der Box!

Bonus: Interview mit Michael, 26, Crossfitter aus Göttingen

1. Was ist deine sportliche Vorgeschichte?

Meine sportliche Vorgeschichte begann im Grunde erst vor 5 Jahren, also mit 21. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich Sport gemieden, da ich weder gut darin war, noch Spaß daran hatte. Auch der Sportunterricht in der Schule konnte daran nichts ändern.

Zum regelmäßigen Sport habe ich dann erst mit meinem Umzug nach Göttingen und dem Beginn meines Studiums gefunden. Plötzlich hatte ich einige sportbegeisterte Leute in meinem Freundeskreis, die mich schnell mit ihrer Begeisterung ansteckten. Anfangs ging ich nur ins Fitnessstudio, habe dann aber auch mit großer Freude Volleyball, Badminton, Tabata, Spinning und andere Sportarten ausprobiert, die der Hochschulsport zu bieten hat. Seit dem kann ich mit dem Sport nicht mehr aufhören!

2. Wie bist du zu Crossfit gekommen und wie lange machst du schon CF?

Auf Crossfit bin ich vor einigen Jahren im Internet gestoßen. Da die Auswahl der Boxen in Deutschland aber noch sehr gering war, habe ich es nur nebenbei verfolgt. 2013 wollte ich es dann endlich mal ausprobieren und habe 3 meiner Freunde und mich für ein Probetraining in der Crossfitbox in Hannover angemeldet. Obwohl wir selber nur ein Bodyweight-Training mitgemacht haben, hatten wir die nächsten Tage den Muskelkater unseres Lebens! Es hat aber super viel Spaß gemacht, da sowohl die Trainer als auch die anderen Trainierenden uns herzlich empfangen haben. Da aber Hannover doch etwas weit entfernt von Göttingen ist, blieb es vorerst bei diesem Probetraining.

Umso erfreuter war ich, als 2014 die Box in Göttingen eröffnet wurde. Ich war direkt bei der Eröffnung dabei und hab mich mit allen gut verstanden und noch vor Ort meine Mitgliedschaft unterschrieben. Bis auf eine 6-monatige Unterbrechung, da ich zu der Zeit im Ausland war, bin ich also seit dem beim Crossfit dabei.

3. Was gefällt dir am meisten an CF?

Crossfit bietet wahnsinnig viele Vorteile. Man hat Workouts die immer abwechslungsreich und fordernd sind, ausgebildete Trainer stehen immer hilfreich zur Seite und nebenbei lernt man noch viele tolle Menschen kennen. Am meisten an Crossfit gefällt mir aber die Möglichkeit der Skalierung sämtlicher Workouts. Dadurch hat jeder, egal wie alt, welchen Geschlechts oder auf welchem Fitnessstand, die Möglichkeit am Training teilzunehmen und bis es zum Ende durchzustehen.

4. Was ist dein Lieblings WoD?

Einen Favoriten habe ich nicht. Zu Beginn hasse ich sie alle und liebe sie nach dem Workout umso mehr 😉

5. Welchen Tipp hast du für Leute, die überlegen mit CF anzufangen?

Probiert es einfach aus! Man sollte keine Scheu haben, weil man denkt, man sei zu alt oder nicht fit genug dafür. Crossfit funktioniert für jeden. Wenn man nur etwas Disziplin und Motivation mitbringt, dann kann man langfristig große körperliche bzw. gesundheitliche Erfolge erzielen.

2 thoughts on “Crossfit – „Forging Elite Fitness“

  • Kevin

    Hey! Vielen Dank für den Link und die Nennung meines Blogs :-).

    Sehr guter Artikel, weiter so!

    Bleib fit
    Kevin

    Antworten

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